C. (man kann’s ja nicht mehr hören)

Woran wir alle zu knabbern haben… Corona Crackers 11 24. Februar 2021 Die Post und der Lift Also gut…kein Wort über C. Sie sind das Leid, ich bin das Leid…aber manchmal gibt’s auch komische Sachen. Heute Morgen klingelt die Post, also eine von diesen Nachfolgeorganisationen unserer guten alten staatlichen Post, wo man … also es klingelt natürlich ein Mensch, der einen Auftrag zum Klingeln bei mir hat, weil ich wegen C. etwas bestellen musste, was ich wirklich brauche, aber normalerweise nie … niemals! bestellt, sondern geholt hätte. Da wir ganz oben wohnen und kontaktlose Übergabe in diesen Zeiten (hab nix mit C. geschrieben!) sinnvoll ist, haben wir die Liftmethode erfunden: Es klingelt ein Bediensteter (24.2., wenn sie nicht verstehen, warum hier männlich gegendert wird: zum 15. Januar herunterscrollen) besagter Zustellorganisationen. Er ruft Paket oder im Zweifelsfall die Post oder eine Päckchen oder große Paket! Unsere anfänglichen Versuche mit einem höflich verklausulierten: Würden Sie das dann bitte in den Lift legen? Ich nehme es oben heraus enden mit Schweigen am anderen Ende, dann einem gepressten Jo und das Paket liegt dann sonstwo, im Schnee vor der Haustür, vor der Tür der Nachbarin…wurde wieder mitgenommen… Meine Blitzidee: Es muss an dem unbekannten Wort Lift liegen. Ist ja auch komisch, lift-up, liften als Gesichtsstraffung. Der nächste Versuch dann also: Können sie das Paket bitte in den Fahrstuhl legen? Was ich nicht gesehen habe, unsere wohlbekannte Zustellerin steht unten und sagt etwas pikiert: Ja klar, wie immer, ich drück auf den obersten Knopf. Und: schönen Tag noch! Ich freu mich: Ihnen auch und danke für den Service! Der nächste ist ein indisch aussehender Zusteller, der trotz bitte in den Fahrstuhl oder ist es schwer, dann komm ich runter mit Jo antwortet und eine schwere Weinkiste, die unten bleiben soll, schon eine Treppe hochgeschleppt hat, bis ich ihn von weiteren Taten abhalten kann. Der Mann tut mir Leid, ich gebe ihm etwas Geld und erkläre: wenn Paket schwer, unten lassen und ärgere mich über meine blöde Erklärungssprache. Erinnert mich an diese platte gönnerhafte Gastarbeiteransprache (was für ein Wort!) der 60er Jahre. (Ach ja: Wenn sie dazu etwas wirklich Authentisches lesen wollen: Mely Kiyak, Frausein, München (Hanser), 2020, 18 €) Grammatikalisch einfach, brummle ich beim Weinverstauen vor mich hin, muss nicht wie Idiotensprache klingen und bin mir selbst etwas böse. Heutiger Versuch nun: Eine Paket! –  Ja danke, ist das schwer? –  Schweigen. – Großes Paket? –  Schweigen.- Legen Sie’s in den Fahrstuhl? (langsam und deutlich sprechen!) – welche Stuhl? Also doch besser wieder Lift?   Corona-Crackers 10 (15.7.20) Von Unter- und Übernasenmaskenträgern (Heute wird Ihnen die entsprechende Abbildung erspart und durch ein niedliches Schnuppernasenbild ersetzt. Sie werden das blöde Bild, das beim Lesen in Ihrem Kopf entsteht,  sowieso nicht vergessen) Berlin ist ja nun echt nicht das Emsland. Allet jut, sagt der Berliner und trägt (jedenfalls viele) die Maske unter der Nase. Das habe ich im Emsland schon auch gesehen, aber nicht in der Menge. Wenn dir in der U-Bahn so ein Unternasenmaskenträger auch noch ordentlich auf die Pelle rückt, dann gibt’s Unwohlgefühle. Und auch den Gedanken: Vielleicht ist das ja auch alles gar nicht so schlimm, aber allet jut, kann ich da nicht empfinden. So übertrieben wie die Fahrradfahrerin, die dieser Tage fast in den Kanal gefahren wäre, weil sie mit 4 Meter Abstand an uns vorbeifahren wollte, das ja nun nicht, aber allet jut? Und dann muss ich immer an diese saublöde Erklärungszeichnung denken, die den Schniepi über der Unterhose zeigt und treuherzig versichert: Wenn du deine Maske unter der Nase trägst, dann wäre das ja so, als würdest du deine Unterhose so tragen…Ich weiß nun nicht, was ich schlimmer finden soll: Die Bedrohung durch die Nase über der Maske (Jaja ich weiß, Mundnasenbedeckung…) oder die blöde Vorstellung, die sich in meinem Kopf jedes Mal breitmacht, wenn ich so einen Unternasenmaskenträger sehe. Übrigens ist mir aufgefallen, dass es viel weniger Unternasenmaskenträgerinnen gibt als Unternasenmaskenträger, weswegen ich mir dieses affige *chen diesmal gespart habe. Von beiden Sorten gibt es zudem im Emsland erheblich weniger. Gepriesen sei das lauschige Emsland! Corona-Cracker 9 (17.6.20) Die Ja-Aber-Krankheit oder das St. Florians-Prinzip Ich kenne sie zur Genüge aus der Schule: Hast du das da hingeworfen/abgebrochen/verschmiert …? Empört: Nein! Ich: Ich habe gesehen, wie du…. Ja, aber … Die Ja-Aberitis befällt Menschen, die die Wirklichkeit nicht so haben möchten wie sie sich gerade darstellt, sondern die eine andere Welt erschaffen, in der Schulkinder unbedingt psychosozial schwer dran sind und darum nicht zum Mülleiner laufen können, in der immer gerade der andere viel mehr hingeschmissen hat und … Am liebsten sind mir dann noch die, die womöglich laut kreischend Ungerechtigkeit! für sich reklamieren. Jetzt hast du bei momo ganz schlechte Karten hat ein Danebenstehender dazu mal gemurmelt. Die Ja-Aber-Erkrankten sind um Moment wieder fix unterwegs mit: Eine Erkrankung ist nicht so schlimm, weil ja nur andere sie kriegen, zum Beispiel Vorerkrankte, Alte …Das macht mich genauso zornig wie … s.o. Ihr seid krank mit eurer Argumentation! Kennen Sie das Sankt-Florians-Prinzip?: Heiliger Sankt Florian, verschon meine Haus, zünd andere an! Ich nenne das auch wohl galoppierende Verantwortungslosigkeit. Zeit, dass euch mal eine*r erklärt, dass wir alle zusammen Verantwortung tragen für oder gegen die Ausbreitung des Virus‘, solange wir noch nicht sicher wissen (können), wie wir es wieder loswerden oder unschädlich machen können! Corona-Cracker 8 (16.6.20) Corona-Zwischenbilanz Einige ziehen ja jetzt Bilanz. Schulen, die sagen wir haben einen digitalen Sprung nach vorne getan und behalten Elemente davon bei, Menschen, die sagen ich bin endlich mal dazu gekommen, den Garten ordentlich zu machen oder in Ruhe mal…Manches hört sich da ganz positiv an, aber diejenigen, die auf unser wildes Einkaufsverhalten angewiesen sind, haben im Moment wohl ordentlich das Nachsehen. Sollten wir gerade von einer verschwendungssüchtigen Konsumbande zu zurückhaltenden nachdenklichen Einkäufern werden? Ein Teil hat sich als Online-Käufer (eben nicht) auf den Weg gemacht. Das sind diejenigen, die dann sehr laut jammern, unsere Innenstädte würden ja so öde. Ein Teil hat Einkommenseinbußen und das Geld sitzt dann vernünftiger Weise nicht so locker. Es gibt noch eine dritte Gruppe von Kaufabstinenten: Diejenigen, die entdeckt haben, dass man vieles gar nicht so dringend braucht… Gibt es jetzt zu hoffen, dass es bei der zukünftigen Entwicklung genügend Frust-Kompensations-Käufe gibt! Corona-Cracker 7 (26.5.20): Fleischtheke mit Beziehungskiste – coronamäßig Manche Paare gehen nie zusammen einkaufen und man kann das auch für eine weise Entscheidung halten – wenn auch nicht immer bewusst. Heute an der Fleischtheke vor mir ein älteres Paar (etwa so alt wie wir, ergänze ich gedanklich dann immer masochistisch), das sich offenbar zu einem sozialen Experiment entschlossen hatte, dessen Ausgang ich für zumindest zweifelhaft halten würde. Da ja in etwas älteren Beziehungen der Subtext mindestens so wichtig ist wie der gesprochene Text, schreibe ich den hier mal in Klammern dazu (man konnte ihn deutlich hören). Der Gatte steht so nahe beim umkämpften Nummernautomaten (wieso eigentlich Automat, wenn man die Kärtchen fast mit den Zähnen abbeißen muss, um an ein einzelnes zu kommen?) und wird durch seine Gattin hingewiesen: Du stehst zu nah (Männer!). Er: Wieso? Und woran zu nah? Sie: Am Nummernautomaten! (den nehm ich nicht wieder mit!) Derweil versucht eine Dame sich schlangenähnlich um ihn herumzuwinden, dabei auf einen gewissen Abstand zu achten und den begehrten Zettel zu erwischen, der will aber nicht abreißen. Jetzt komm hierher, sagt die Gattin schon sehr nachdrücklich. (den nehm ich nie wieder mit!) Das wirkt, scheint ein alt-ultimativer Ton zwischen den Beiden zu sein. In der Schlange langweilt er sich natürlich sofort und will die Einkaufsliste sehen. Sie holt eine Art Schreibheft heraus, eine Seite, eng beschrieben, hält sie ihm hin und sagt: Das findest du doch gar nicht (ich will auch gar nicht, dass der überhaupt irgendwas findet, ist sowieso das Verkehrte und dann muss ich auch noch diskutieren). Missmutig trottet er los, holt etwas, womit sie ihn sofort zurückschickt. Als sie dran ist, fragt sie ihn nach seiner Meinung zu einem Fleischstück. Er hat offenbar keine Ahnung von der Materie, nimmt aber inzwischen doch die etwas gereizte Stimmung wahr und will schnell etwas sagen: Ist doch egal. Böser Blick (aber dann beim Essen meckern!) Zweiter Versuch: Das größere! Noch böserer Blick (als wenn es bei mir schon irgendwann mal nicht satt gegeben hätte!) … Später treffe ich die Beiden beim Shampooregal. Die Stimmung ist nicht besser. Man hört sie schon ein Warengestell weiter. Dann nimm doch, was du willst, sagt sie mit scharfem Unterton. (jetzt will der auf einmal Ahnung von Shampoo haben, lässt es sich aber die letzten 30 Jahre ins Bad legen). Ich habe das soziale Experiment nicht zu Ende verfolgt. Spätestens an der Kasse hätte ich lachen oder weinen müssen. Ich will ja nur hilfreich sein, höre ich noch vom Gatten (mein Gott, jetzt gehe ich schon mal mit, aber ich spüre keine Dankbarkeit für meine Heldentat!). Warum tun Menschen sich das an? Coronafolgen? Corona-Cracker 6 (23.5.20): Man soll ja immer das Positive sehen oder: Corona-Stille in der Lingener Innenstadt Ist jetzt immer so schön still hier, rufe ich dieser Tage vom Balkon (ziemlich laut wegen des Abstandes). Die neue Nachbarin erstaunt: Ist das hier sonst nicht so? Ach, Sie sind ja im Winter eingezogen, fällt mir da ein. Seit ein paar Tagen ist das mit der Stille allerdings so eine Sache. Der Skaterplatz an der Ecke ist zu neuem Leben erwacht. Es ist einer von diesen wunderbar sonnigen Balkon-Tagen in der Innerstadt Lingens. Bis ich das trockene Pengg-Klakk der Skateranlage höre und dann eine von diesen Musiksorten, die nicht in mein Lieblingsrepertoire gehören. Das geht dann den ganzen Tag so (und oft auch nachts), weiß ich. Mir hat das ja so nicht direkt gefehlt, aber den jungen Leuten offenbar schon – und so sei’s ihnen gegönnt. Wissen Sie, erzähle ich der neuen Nachbarin (immer noch zu laut). Sonst haben wir im Sommer hier ja immer die Klopfer auf dem Kanal. Tiere? fragt sie erstaunt. Nein, Drachenboote, die klopfen, also genauer: ein Mensch darin klopft und zählt dann immer bis 12. Wieso 12? fragt sie noch erstaunter. Daran kann man sehen, dass die neuen Nachbarn keinerlei Innenstadterfahrung haben. Es gibt einmal im Jahr einen Drachenboot-Wettbewerb. Da ist dann allerdings die Musik (auch nicht meine Lieblingsmusik) lauter als das Klopfen, erkläre ich. So ein Tag im Jahr, das macht doch nichts, sagt sie arglos und daran kann ich erkennen, dass sie wirklich nie in der Lingener Innenstadt gewohnt hat. Das stimmt, sage ich, und um ihr die Freude an diesem stillen Sommer so richtig plastisch zu machen: Immer, wenn es schön und warm genug ist, um auf dem Balkon zu sitzen, kommen die Klopfer zum Trainieren: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf, eins, zwei….. Lassen Sie mal, ich fange gerade an die Stille zu genießen, lacht sie. Corona-Cracker 5 (19.5.20): Die Hauptlast tragen ja die Frauen… Die Hauptlast tragen ja die Frauen, liest man jetzt mal in den Zeitungen. Manchmal untermauert mit Fakten (Homeoffice mit eingebauter Kinderbetreuung…), manchmal unangenehm lapidar als Weltgesetz festgestellt, in jedem Falle folgenlos. Oder sollen wir gerade mal von den Balkonen winken?! Singen? Bettlaken bemalen? Das soll ja den Betroffenen sowas von helfen! Nicht dass Sie mich für zynisch halten: Gesellschaftliche Anerkennung tut denjenigen, die uns durch diese Krise tragen, gut. Aber: Das ist natürlich nicht genug. Gestern sagte ich launig zu einer alleinerziehenden Mutter: Ich bin für die Wiedereinführung des Mutterkreuzes. Und ich sowas von, antwortete sie ebenso launig. Ich denke, sie hat verstanden, was ich eigentlich sagen wollte und ich hätte dann bitteschön sofort gerne meine saudoofe Bemerkung zurück!! Gerade nicht: Gesellschaftlich folgenlose (Schein-) Anerkennung, sondern die Selbstverständlichkeit der Berufstätigkeit von Frauen und die Regelung dessen, was die Betreuung von Kindern nötig macht. Und nicht wieder in den Verantwortungsbereich von Frauen zurückgeben, sondern alle damit befassen. Das funktioniert im Moment – kaum zu glauben, dass das möglich ist- noch schlechter als sonst! Corona-Cracker 4 (16.5.20): Eigentlich London, jetzt aber Friedhof oder:  Die Alten Diese Woche wären meine Tochter und ich in London, heute auf dem Rückweg über Brüssel. Mit pompösem Gong erinnert mich die Bahn-App an meinen Zug, den ich in Bruxelles-Central nicht versäumen soll. Bisschen komisch kommt mir dieses Gebimmel schon vor, denn ich bin grad auf dem Friedhof, und zwar in Lingen. Von zwei Straßen weiter höre ich lautstarkes Reden darüber, dass die Alten ja selber Schuld seien, sie gingen einfach nicht weit genug zur Seite. Überall kämen einem die Alten viel zu nahe, dabei müsse man für die Alten ja schon zu Hause bleiben und allerlei Unbequemlichkeiten in Kauf nehmen. Diese Dame weiß offenbar nichts von Schallausbreitung und noch weniger von der durchdringenden Qualität ihrer Quäkstimme. Wohl auch nichts von differenzierten Urteilen oder sie holt sich einfach eine Portion Zustimmung ab, wo sie vermutet, diese wohlfeil bekommen zu können. Bei solchen Gesprächs-Monologen geht es nicht um den Inhalt, das könnte auch ein Referat über den Nussgehalt verschiedener Nougatcremes sein oder die Empörung darüber, dass es nachts gefroren hat und sich das nicht gehört im Mai. Ich höre außer zustimmendem Gebrumm nur ihre Stimme, die sich in immer höhere Höhen schraubt vor Empörung über die Alten. Dass es in solchen Situationen nicht lohnt, in eine Argumentation einzusteigen, ist leidlich bekannt. Ich gehe in der Nähe vorbei, grüße sehr freundlich und denke verblüfft: Sieht die nicht eigentlich älter aus als ich? Und eigentlich bin ich ja auch grad in Bruxelles-Central… Corona-Cracker 3 (14.5.20): Das Schnauzen-Schürzchen Vergiss nicht dein Schnauzen-Schürzchen, sagt mein Gatte zu mir beim Aussteigen aus dem Auto. Keine Frage, ich war ja schon einkaufen. Ich nenne diese Aufenthalte im Supermarkt für mich jetzt Augenausflüge. Was mir früher nie aufgefallen ist: Bei manchen Menschen kann man an den Augen sehen, ob sie lächeln, manche sehen allerdings immer gleich böse aus mit Schnauzen-Schürzchen (ohne vielleicht auch?). Ich rede jetzt nicht von Lachen, da sieht man ja immer die Hautkräuselung, die sich bis um die Augen zieht. Mimik-Falten hat mir die Kosmetik-Industrie beigebracht und wollte mir mein Leben lang für die Dinger um die Augen Extra-Cremes in besonders kleinen Töpfchen mit besonders hohem Preis verkaufen. Muss ich jetzt bitter dafür büßen und das Schnauzen-Schürzchen bringt es brutal an den Tag? Weiß ich nicht, ich schau mir nur die anderen Augen an. Forever young? Son Quatsch. Das Bemühen um oder gegen kleine Augenfalten war mir immer schon fremd und kommt mir grad so gaaanz weit weg vor… Corona-Cracker 2 (12.5.20): Mein Corona-Cracker von heute wird ein bisschen traurig: Wir hatten ja das Glück, viel reisen zu können (und zu wollen) mit Beginn unseres Berufsverbots aus Altersgründen (Pensionierung genannt). Wir haben auf diesen Reisen viele wunderbare Menschen getroffen, die vom Reisen und den Touristen leben (müssen). Ich möchte heute an Boulé und den Picasso Javas (so wird er etwas scherzhaft genannt) denken. Bestimmt geht es Beiden nicht nur nicht gut, sondern sie sind in ihrer Existenz bedroht. Das Bild ist im Atelier des Batikkünstlers in Java gemacht, rechts ist Boulé, unser Reiseführer, links eine Helferin. Die Frauen (!) saßen dort auf dem Boden und führten mit diesen winzigen Wachskännchen diese x-fachen Färbungen unter Abdeckung anderer Flächen durch. Sie wirkten sehr fröhlich und sehr freundlich! Mit Boulé hatte ich morgens beim Frühstück (wir waren alleine) ein etwas intensiveres Gespräch führen können. Er wollte mir zunächst mein Lebensalter nicht glauben, es stand definitiv der Verdacht im Raum, ich hätte in meinem Leben wohl nicht viel gearbeitet. Er sagte: Die Menschen hier sehen viel älter aus als du, momo. Ich fühlte mich ein bisschen beklommen und fragte ihn nach seinem Leben. Er erzählte lange und interessant und sagte dann, er hoffe auf einen frühen Tod. Nicht irgendwie emotional, sondern sachlich. Er habe durch seine Tätigkeit und wegen der letzten Rezession keine Rücklagen für sein Alter bilden können und wolle seinen Kindern keinesfalls zur Last fallen. Ich dachte an meine Pension und unsere Reisepläne für das nächste Jahr und war sehr beschämt. Das merkte er und sagte: Ihr helft doch schon, indem ihr herkommt. Und als ich mit den Schultern zuckte: Ihr könnt auch dem Künstler, genannt der Picasso Javas, helfen, indem ihr etwas kauft. So ist diese große Batik in unseren Haushalt gekommen. Wenn ich draufschaue, denke ich an Java und Boulé und all die anderen, die im Moment und wohl auch lange nicht mehr vom Tourismus leben können. So hat vieles eben mehrere Seiten. Weiter, schöner, mehr, das ist ja zu Recht die Lehre, die wir im Moment ziehen, sind auf Dauer keine alleinigen Lebens- und Wirtschaftsziele, aber.. Corona-Cracker 1 (11.5.20): Vor einem großen Drogeriemarkt fährt schneidig ein etwa Zwölfjähriger mit seinem BMX-Rad vor. Er landet ebenso schneidig neben der Friseurschlange (Achtung, neue Wörter!) Eine ältere Dame (die nach meiner Beobachtung dort berechtigt und mit Geduld steht) fragt ihn leutselig: Und freust du dich auch schon auf die Schule? – Falsche Frage, Mutti, denke ich automatisch. Der coole Radler darauf mit leuchtenden Weihnachtsaugen: Oh ja, sehr!

Tipp Nr. 20: Schulze, Die rechtschaffenen Mörder

Ingo Schulze, Die rechtschaffenen Mörder Das liest sich zunächst wie eine neutral erzählte Biografie eines Buchhändlers. Etwas lapidar berichtet der Tod der Mutter, das Aufwachsen auf deren Büchern, später wird er leidenschaftlicher Leser, geachteter Dresdner Antiquar, der wie eine besondere Festung der Kultur von gleichgesinnten Lesern umgeben wird. Dieser Biografie-Erzählton, der in eine Bücherwurm-Sessel-Situation mit mäßigem Interesse nötigt, na ja, denkt die Leserin. Was soll das schon werden? Aber: Dieser Erzähler ist ein Schlitzohr! Plötzlich ein Ich-Erzähler (hä, wer denn?), gegen den man sofort den Verdacht hegt, ihn schon mal überlesen zu haben. (stimmt, S. 8!) Und dann allerlei Finten und Fährten, plötzlich der Abbruch dieses Romanteils. Der zweite Teil ist in der Ich-Perspektive eines Autors (Schultze, nicht Schulze!) geschrieben, dem die Leserin dann aber schon nicht mehr so ganz über den Weg traut. Auch dieser ergeht sich in Andeutungen und streut wie Hänsel Brösel in das ostdeutsche Ambiente. Im dritten Teil nun bekommen wir es mit der Lektorin jenes Autors zu tun, die den Streuseln folgt, solange sie noch nicht gefressen wurden. Was findet sie? Einen Mord – einen Unfall – einen Doppelselbstmord? Auch mehrere Angebote, den Mörder zu phantasieren und einen ziemlich fiesen Autor, der andere erpresst. Die irritierte Leserin tut etwas, was selten vorkommt: Ich habe diesen Roman direkt ein zweites Mal gelesen! Befund: Brillant erzählte Figurenscharade, schillernde Ost-West Klischees, die sich immer dann aus dem Licht drehen, wenn man ihrer gewiss zu werden droht. Die Figur des großen Lesers, der kulturell mit allen Wassern gewaschen, nur moralisch integer sein kann, sich aber unter erschwerten Wende-Bedingungen (kapitalistischer Literaturbetrieb) zum Radikalinski wandelt?! Das ist toll erzählt, lässt dem Leser genug Luft zum selber entdecken und ich habe den Text auch beim zweiten Lesen sehr genossen. Danke an das Erzähler-Schlitzohr! Kompliment, Ingo Schulze! Lesen!!! Ingo Schulze, Die rechtschaffenen Mörder, Frankfurt/Main 2020 (Fischer, 320 S., 21€)

Die Technik und ich

(Vor einigen Wochen habe ich mir eine Fitnessuhr gekauft…zum Musikhören…) für Teil 2 bitte ein bisschen scrollen Hilfe! Meine Uhr erzieht mich…(Teil 1) Sie gebärdet sich allen Ernstes pädagogisch… ich bin da allerdings etwas empfindlich, wahrscheinlich ist das ein Berufsschaden. Ich erinnere mich an einen bestimmten wohlwollend-betulichen Ton, den zum Beispiel unsere Beratungslehrerin draufhatte und vor dem alle Schüler*innen älter als 10 auf der Flucht waren. Dieser Ich will ja nur dein Bestes-Ton (und ich weiß, was für dich das Beste ist…) ist geeignet, massiven Widerspruch herauszufordern bei jedem, der entschlossen ist, sein eignes Hirn zu nutzen! Überhaupt stört mich von Anfang an und immer noch, dass alle Geräte dieser Obstfirma mich duzen. Was soll die Anbiederei? Na gut: Ich wollte bei meiner Pensionierung gerne umrüsten wegen der beruflichen Dominanz der M-Firma gegenüber der A-Firma. Alle unsere Schüler*innen waren dort geparkt und keine Sau hätte meine Produkte weiter verarbeiten können. Also mehr so aus Daffke und Protest… und wegen des schicken Designs. Später bin ich reumütig zu einem Office-Paket zurückgekehrt, weil ich das Mikeymouse-Schreibprogramm der Obstfirma furchtbar fand. So macht man halt seine Pensionärserfahrungen! Komfort wie Datenübertragung besagter Firma ist gut, Speicherplatz auf den Notebooks allerdings ein Witz, so dass man praktisch in die Cloud gezwungen wird. Der Bedienkomfort ist – wenn man den Geräten das Gequatsche abgewöhnt hat gut (mit mir redet kein Apparat!! Keiner! Niemals!), die Preise sind ein echtes Mondprogramm…Aber: Es gibt nur überzeugte Nutzer, geradezu Gläubige des Konzepts und Verabscheuer…na gut, das Wort gibt es nicht, aber der gewiefte Leser weiß, was ich meine… Aber der Reihe nach: Die Uhr nun habe ich gekauft, um Musik einfacher dabei haben zu können, also auch ohne Handy in der Muckibude. Nachdem ich mich seit Jahren regelmäßig in die Kabel meines kleinen Einfachplayers verstrickt, geradezu verknotet hatte, habe ich mich nun umgesehen, wie man das Musikproblem lösen kann ohne dieses Verhedderungsprogramm, also per Bluetooth. In meiner Muckibude liefen immer ein paar schicken Typen rum, die ihr Handy bedächtig jeweils in die Nähe der von ihnen malträtierten Geräte wie eine kleine Trophäe hintrugen, es dort gewichtig niederlegten und ihrer Arbeit nachgingen. Das fand ich affig. Ich will mein Handy nicht mit zum Training nehmen. Ich fand heraus, dass die Obstfirma auch eine Uhr baut, die mittels GPS meine Musik streamt und per Bluetooth an meine kleinen Ohrstöpsel überträgt. Genial, dachte ich. Gedacht, gekauft, Schnappatmung über den Preis erfolgreich unterdrückt. Nun habe ich ja die Einstellung, dass man alles, was man neu besitzt, auch gründlich ausprobiert. Was soll ich sagen? Mein Entsetzen kennt keine Grenzen: Meine Uhr lobt mich, meine Uhr ermahnt mich, meine Uhr ermutigt mich. Da steckt echt eine pädagogische Haltung dahinter. Schrecklich. Wer hat sich sowas einfallen lassen? Ein geistig verirrter Sportpädagoge? Hat der schon mal was von Eigenverantwortung gehört? Das Schrecklichste stand mir noch bevor: Meine Uhr fordert mich zum Atmen auf! Also sagt mal, geht’s noch? Gebe ich mit dem Erwerb dieser Uhr mein Hirn in Zahlung? Heute hat sie mich gefragt, ob ich gestürzt bin, nachdem ich die Kissen aufgeschüttelt, also eher etwas kräftig geklopft hatte. Dazu leuchtete dann gleich ein Notfallzeichen auf. Dankenswerter Weise konnte ich aber schriftsprachlich erklären, dass ich nicht gefallen und bei guter Befindlichkeit bin. Am widerlichsten aber finde ich dieses Du kannst es noch schaffen! Gütiger Gott, was denn? Und will ich das denn? Musik hören kann man mit der Uhr allerdings sehr schön, aber für pädagogisch vorgeschädigte Menschen ist sie ansonsten eher eine Herausforderung. Achte auf deine Kreise, sagt sie gerade. Jaja, mangelnde Aktivität im Trainingsbereich, denke ich und stutze, verflucht!, meine Uhr manipuliert mich, ich will lieber weiterschreiben… Ich glaube nicht, dass wir so richtige Freunde werden, meine Uhr und ich… Teil 2: Hilfe! Meine Uhr erzieht mich… Na sagen wir, sie versucht es. Warum soll es dieser blöden Uhr anders gehen als jedem Lehrer? Ich glaub, ich bin mit ihr in die Trotzphase eingetreten, irgendwie Pubertät. Dass es so etwas in meinem Alter auch nochmal geben kann? Erzähl mir keiner was von mit Notwendigkeit ablaufenden Reifungsprozessen! Oder hat schon mal wer bei Erikson von Ausbruch einer Trotzphase bei einer Einundsiebzigjährigen gehört? Es gibt offenbar ein dynamisch-logisch ablaufendes Beziehungsgeflecht zwischen Erzieher (hier: Uhr, erst neu, dann wenige Wochen alt) und Zögling (erst ausgeliefert, dann findig). Ist es nicht so, dass der ganz brave Grundschüler erstmal macht, was die Lehrerin von ihm will? Dann entdeckt, dass man sie austricksen kann? Wenn man ein bestimmtes Stichwort fallen lässt und zuverlässig mit entspannten Minuten rechnen kann, weil erzählt wird und erzählt oder geschimpft und geschimpft oder angeschrieben und angeschrieben…Wenn meine Uhr atmen empfiehlt werde ich nicht 60 sec. wie ein Walross schnaufen, obwohl ab und zu tue ich das jetzt, weil das gar nicht schlecht …aber natürlich nicht, wenn sie das will. Die größte Renitenz ist dann noch, die Uhr abnehmen und die 45 Stufen hoch zu laufen. Ha…und wehe sie maßregelt mich! Heute zu wenig Training, keine Treppen nix. Und, blöde Uhr, geht dich das was an? Manchmal guck ich mir doch aber meine Trainingsringe an und wundere mich, wann ich das gemacht haben soll. Obwohl: Gartenarbeit wird nicht ordentlich protokolliert, da werde ich dann die Lernziele nicht erreichen, aber doch zu meiner allergrößten Zufriedenheit herumwerkeln. Ich glaube so – also mit etwas emanzipierter Entspanntheit- kommen wir beiden dann zurecht. Und heute hat sie absolut bei mir gepunktet: Über die neuen Ohrstöpsel stundenlang Mozart gehört. Herrlich!

Nicht Tipp 19: Robert Seethaler, Der letzte Satz

Jetzt sehe ich den Letzten Satz von Seethaler, den ich gerade gelesen habe, auf der Longlist des Buchhandelspreises und auf Platz eins einzelner Leseempfehlungen. Nun gibt es gewiss viele Bücher, die man besser nicht liest. Da gilt denn aber auch der Selbstversuch. Wenn Sie an Mahler als Komponist und an seiner Musik interessiert sind, lassen Sie den Seethaler aus, in der Hinsicht hat der Roman meiner Meinung nichts zu bieten. Wenn Sie an einer auf das Äußerste verknappte (und sehr gekonnt auf wenige Motive zugespitzte) Biografie interessiert sind, dann lesen! Ich liebe die Kindertotenlieder und habe gehofft, hier ein bisschen mehr Einblick in Mahlers Biografie zu erhalten. Diese Erwartungshaltung und dieses Buch passten leider so gar nicht zusammen. Gekonnt erzählt, keine Frage, gekonnt zugespitzt auf diese eine letzte Reise und die existentiellen Selbstreflektionen des Protagonisten, aber das ist mir einfach zu wenig, wenn ich etwas von einem berühmten Komponisten verstehen will. Ich war dann geradezu erschrocken über den Perspektiv- und Zeitwechsel am Schluss, als der Schiffsjunge, der ihn betreut hat, aus einer Zeitung seinen Tod erfährt. Und das lag nicht nur daran, dass ich den Text per E-Book gelesen habe und nicht sinnlich erfahren konnte, wie dünn der Roman schon geworden war. Er kam mir auch motivisch nicht fertig vor. Diese Reduktion eines Genies auf eine Migräne, einen Kindstod und eine unglückliche Ehe ist mir einfach zu wenig.

Das Lehrer-Lämpel-Syndrom (für Bilder: anklicken)

Jetzt muss ich mich doch mal zu etwas Pädagogischem äußern. Wir im Institut (Dr. Michael Wildt und ich arbeiten für das IfpB -Institut für pädagogische Beratung – in Münster) ärgern uns regelmäßig über das Lehrererbashing  in den Medien. Der letzte Spiegel titelt Schulversagen. Der Artikel handelt eher vom Versagen der Kultusbürokratie, aber getitelt wird mit Lehrer Lämpel. Ärgert Sie das auch, dass immer so schnell die Schule zum Sündenbock gemacht wird? Lesen Sie unseren Text zum Thema Pädagogischer Populismus: Das Lehrer-Lämpel-Syndrom! Ein Text von Dr. Michael Wildt und Irmgard (momo) Monecke, 27.04.20 Es geistert mächtig durch den Blätter- und Videowald und wir, die Aktiven im Institut für pädagogische Beratung, protestieren energisch gegen den sich immer mehr verbreitenden Populismus in der Pädagogik. Er erschwert die fachliche Arbeit von uns Pädagog*innen, die wir Lehrer*innen unterstützen, die ihre Schule bildungsbezogen, vielfaltsgerecht, inklusiv und demokratisch weiter entwickeln wollen. Der letzte Spiegel-Titel Schulversagen hat als Leitartikel eine durchaus abgewogene Analyse dessen, warum der Patient Schule, der nun vor allen anderen Institutionen eröffnen soll, schwere Vorerkrankungen hat, die seine Chancen, als Vorreiter eine gute Figur zu machen, ziemlich gering erscheinen lassen. Die Vorerkrankungen Ersticken in Bürokratismus, schlechte Ausrüstung mit Medien, Föderales Chaos, Handlungsknebelung der einzelnen Schule durch Sach- und Personalbudgets… müssten logischerweise zu der Überschrift führen: Wie die Kultusbürokratie unsere Schule kaputt gemacht hat und wie diese nun trotzdem als erste beweisen soll, dass die Probleme mit der Pandemie zu bewältigen sind!