Kreuzfahrer-Typologie

Natürlich sind auf kleinen Schiffen nur 1. nette, manchmal ein bisschen ältere Leute, die höflich und gutmütig mit dir das Restaurant, den Liegestuhl, das Rauschen des Meeres teilen…ein paar Typen fallen aber immer wieder auf und sind Anlass für diese kleine Typologie der Kreuzfahrer-Menschen. Natürlich ist alles furchtbar übertrieben und eigentlich gilt 1., aber manchmal…Sie werden in den Typebezeichnungen unschwer meine ungemein feinsinnigen Ableitungen erkennen: Der Mäki mäkelt gern mal herum, der Erzähli erzählt sehr viiel und schnell, der Muffi ist muffelig und maulfaul, der Egi ein mauliger Egozentriker. Der/Die Mäki (ach ja, ich erlaube mir das generische Maskulinum zu benutzen, der Mäki kann also männlich oder weiblich sein, Mäki*in wäre albern und Sie werden das schon schaffen, den Text ohne Sternchen o.ä. zu verstehen) Der Mäki findet an allem etwas Unpassendes, Ungehöriges, Verwirrendes und mäkelt dann. Opfer sind häufig Reiseleiter (Achtung Triggerwarnung: generisches Plural. Es gibt auch Reiseleiterinnen!), bei den Mitreisenden wird um Zustimmung geworben. Sind Sie nicht auch empört, dass so etwas als Panoramafahrt angeboten wurde? Wer sich nicht co-empört, wird geschnitten. Wenn man sich allerdings erstmal diesen Status der Ignoranz erarbeitet hat, lebt es sich ganz gut mit dem Mäki zusammen auf einem Schiff. Der Mäki führt, wenn er nicht allein reist, einen Mit-Mäki bei sich, der vielleicht einmal Widerstand geleistet hat, aber ruhiger lebt, wenn er den Mäki durch Grunzen, Nicken etc. verhalten unterstützt, gelegentlich aber auch in die aktive Rolle geht. Das versteht er dann als Unterstützungsaktion und das Empörungspotential wird dadurch gesteigert. Manchmal gibt es dann eine Mäki-Kettenreaktion. Armer Reiseleiter! Der darf ja niemals! Niemals! sagen, was er dazu denkt. So ein einfacher Text, wie ich ihn dann gerne denke (aber besser auch nicht sage) Haben Sie in der Angelegenheit schonmal Ihr Hirn eingesetzt? wäre Ende der Reiseleiterkarriere. Deswegen würde ich den Job auch nicht wählen könnte. Ich weiß genau, meistens kann ich über den Mäki schmunzeln, aber er sollte es auch nicht übertreiben, dann kann ich für meine Texte nicht mehr zu hundert Prozent garantieren…. Der/ Die Erzähli Man erfährt das Leben des Erzählis innerhalb der ersten halben Stunde des Kennenlernens mit allen Schrecknissen, Details und Proud-of-Points (ich war schließlich 40 Jahre…) Milde Erzählis sind wir in dieser Situation alle, denn Selbstdarstellung spielt natürlich eine Rolle, wenn ich auf jede Menge unbekannte Menschen treffe. Aber: Der Erzähli in seiner Extremform führt zu verdeckten Fluchtbewegungen an den Restauranttischen, auf Deck und in den Bars. Er erzählt nämlich gnadenlos alles wieder und wieder, auch in den Einwand hinein, das habe er schon beim Frühstück, vorgestern….bei der letzten Reise … Der/Die Muffi Er/Sie knallt sich an den Tisch, ohne zu grüßen oder zu fragen, ob dort frei ist. Müffelt sein Frühstück/Abendessen wortlos in sich hinein, als bestünde die Gefahr, dass ihm einer das ergatterte Essen/Trinken wegnimmt. Verständlich, denn an Bord herrscht ja bekanntermaßen akuter Nahrungsmangel. Der/die Egi Der Egi sorgt immer gut für sich, bestenfalls noch für seine Begleitung. Er hat eingebaute Vorfahrt beim Ein- und Aussteigen aus Verkehrsmitteln. Am Buffet lässt man ihn am besten dezent und unauffällig vor, es kann sonst zu Verletzungen kommen. Oder noch schlimmer: zu anhaltendem Gemaule über das Verhalten der Leute im Allgemeinen und auf Schiffen im Besonderen. Der Egi hat alles schon einmal irgendwo und irgendwie besser erlebt und sieht den derzeitigen Veranstalter als dem Untergang geweiht an (Früher gab es drei Dips, heute nur noch einen, die stehen wohl kurz vor der Pleite). Die Übergänge vom Egi zum Mäki sind fließend.

Von Barcelona nach Hamburg

Diesmal ist es nur eine kleine Flucht vor Geburtstagsrummel und zur Erholung. Das Rauschen des Meeres durch die geöffnete Balkontür das Nachts…! Das ist manchmal schon genug. Darum nur ein paar allgemeine Bemerkungen und einige Bildergalerien zum Gucken. Heute las ich den Hinweis, es könne klug sein, nicht die allerschönsten Plätze der Erde zu fotografieren und in social media einzustellen, weil damit overtourism gefördert wird. Wir reisen deswegen nur mit kleinen Schiffen, weil der Effekt ja schon allein durch so eine Schiffsladung Menschen eintreten kann. Ich dachte sofort an die letzte Station unserer Reise vor Hamburg: Brügge, das uns so gut gefallen hat, aber: Parallel zu uns legte ein relativ großes Schiff an. Das gibt dann sofort Gedränge. Ich musste mich innerlich ganz schön zur Ordnung rufen, denn ich war ja Teil des Problems. In Brügge haben wir das örtliche Bier getrunken, die örtlichen Pralinen gekauft und unörtliches (holländisches) Lakritz. Und wir fanden den Ort sehr charmant. Vor vielen Jahren hat mein leider schon verstorbener Schwager, den ich zum Geburtstag anrief, gesagt: Ja du fehlst noch auf meiner Liste. Danke! Ich war einigermaßen verblüfft, dass da einer eine Aufstellung führte, auf der er offenbar dokumentierte, ob alle Freunde und Verwandten an seinem Ehrentage angerufen hatten. Weil ich diesmal während meines Geburtstags auf dem Schiff war, kommen hauptsächlich Mails, Textnachrichten, aber auch ein paar Anrufe. Ich bestaune, dass ich mich darüber sehr freue, obwohl doch auf der Flucht vor Geburtstaggedöns! Ich mache mir doch tatsächlich Notizen in meinem Reisetagebuch, muss über mich selbst grinsen und höre so bei 40 auf zu zählen. Wir sind in Valencia und es regnet wie aus Kübeln. Ich bin ein bisschen geneigt (wegen meines Ehrentages!), das persönlich zu nehmen. Unsere spanische Reiseleiterin versucht ein bisschen schützende Plätze aufzusuchen. Die moderne Architektur ist sehr interessant, hat aber wenige Überdächer. Sie (die Reiseleiterin!) hat ähnlich hübsche Sprachmacken wie die Portugiesinnen: Bänke für Bank (Geldinstitut). Sie lässt eine kleine Pause vor einem Laden mit Souvenirs und Schirmen. Ich glaube, die sind da endlich mal ihre ganzen alten Schätzchen losgeworden. Ein Mitreisender läuft etwas geniert mit einer wilden Flamenco-Komposition in noch wilderen Farben einher. Wir haben (der Wetter-App sei Dank) die Neuseeland- und Norderneyjacken dabei. Valencia im Regen Über Melilla (spanische Enklave in Marokko, die aus anderen als touristischen Gründen bekannt wurde), Cartagena geht’s nach Cadiz. Dort gibt es unter hängenden Schinken Tapas zu verkosten und lustige Bemerkungen unserer Reiseleiterin. Abends liest Thomas Blubacher aus seiner Gebrauchsanweisung für Kreuzfahrten Beschreibungen von Beobachtungen, die wir den ganzen Tag sowieso um uns herum machen. Da das Schiff nicht sehr groß ist, allerdings in etwas milderer Form. Ich denke kurz an die von Foster Wallace beschriebenen Männerwadenprämierung, der dann ja zum Schluss kommt: In Zukunft ohne mich! Beim Aussteigen aus dem roten Sessel, in dem er lesend residiert, stolpert Blubacher. Ich glaube, das war der überraschendste Moment dieser Lesung. Fuß eingeschlafen! Weil wir ja gerade in Portugal waren (Douro-Tal und Lissabon), versuchen wir dort noch andere Dinge zu sehen. Da uns der Weißwein bei der letzten Verköstigung nur mäßig begeistert hat, besuchen wir die Quinta da Bacalhoa in dieser Beilungsangelegenheit. Schöne Atmosphäre mit Kunstausstellungen und einer irritierenden Nachbildung der Dachau-Überschrift „Arbeit macht frei“. Dahinter Werke, die im Dritten Reich als entartet galten. Den genauen Zusammenhang konnte ich nicht herausbekommen. Auch jetzt noch nicht, mein Portugiesisch ist grottenschlecht (oder gar nicht vorhanden: Bei der letzten Reise habe ich doch tatsächlich fast 2 Wochen gebraucht zu kapieren, dass das Danke feminin und maskulin sein kann und ich gefälligst hätte obrigada sagen müssen). Es gibt also viele gute Gründe, nochmal nach Portugal zu fahren, etwas mehr Sprachkenntnis vorausgesetzt. Die Sache mit dem Wein ist auch noch gar nicht ausgestanden. In der Quinta da Bacalhoa schmeckte uns der Chardonnay sehr gut. Auf derselben Tour besichtigten wir eine Azulejos-Manufaktur. Von der ausgerollten Tonplatte bis zur fertigen Fliese alles Handarbeit in verschiedenen Techniken. Die Motive sind traditionell, handgemalt, manche fanden wir verwunderlich. Ein kleines buntes Kästchen mit hübschem Ornament haben wir mitgenommen, soll uns erinnern, dass wir nochmal nach Portugal wollen… Bildergalerie   Ausflug nach Obidus Das portugiesische Rotheburg ob der Tauber: viel tolle alte Bausubstanz, viel Geschichte, eine fast geschlossen erhaltene Stadtmauer, auf deren Balustrade man entlangbalancieren kann, Schwindelfreiheit vorausgesetzt. Bildergalerie Wir landen an in Porto de Leixões und fahren nach Guimarães Die hübsche Stadt liegt im Norden und gilt als „Wiege der Nation“, weil hier der erste König Portugals (Alfons I.) geboren wurde und sie die erste Hauptstdt Portugals war. Wir kommen dort am Tag des Kindes an und überall wird vorgelesen. Die Bausubstanz (viiel Vergangenheit!) ist beeindruckend und die Atmosphäre entspannt. Ein Beispiel aus Guimarães dafür, wie unterschiedlich Kacheln (Azulejos) in Portugal verwendet werden, mal gaanz schlicht: und mal gaanz  -sagen wir vornehm – ausdrucksstark: A Coruña In der Nacht kommt dichter Nebel auf, das Schiff tutet in regelmäßigen Abständen und macht weniger Fahrt. A Coruña sehen wir erstmal nicht, später klart es auf und wir finden die romanischen Kirchen, die Schinken und den Wein durchaus beeindruckend. Im Hafen findet ein Benefizlauf statt, der so wirkt, als wäre mindestens die halbe Stadt in rappelgrünen Westen auf den Beinen. Unsere Reiseleiterin verkündet etwas vergnätzt, in A Coruña werde ständig gerannt. Als wir der Sache näher kommen, verstehen wir, was sie meint: Ein unglaubliches Musikgetöse, unterbrochen durch genauso laute Durchsagen, macht jede Verständigung unmöglich. Etwas abseits des Getöses stelle ich fest, dass ich in A Coruña in der Calle de San Franicisco ein Café betreibe. Bin dann aber angesichts der Elektroinstallation, die in Südeuropa fast so abenteuerlich ist wie in Asien, ganz froh, dass der Laden nicht zu meinen Portefeuille gehört. Renovierungbedarf! Der Gang durch den Ort führt uns zu wunderbarer Romanik und endet in einem Lokal, in dem der Himmel voller (Serrano-) Schinken hängt. Bilderbogen A Coruña Leider wird St. Malo bestreikt, so fällt Mt St. Michel aus. Wir waren beide schon dort, trotzdem schade! Im Ärmelkanal wird es eine bisschen rauer, erstaunlich, nachdem wir eine bügelbrettglatte Biskaya erlebt haben. Ankunft in Honfleur, dem charmanten Ort an der Mündung der Seine. Vor einem Jahr hatte ich hier versucht, das Satie-Museum zu besuchen. Ging nicht, es war Dienstag. Wann kommen wir diesmal dort an? Klar: Dienstag. Aber wir bleiben noch den Mittwoch und nun gelingt der Besuch. Man bekommt Mickymäuse auf die Ohren mit Saties Musik und Erläuterungen, leider nur englisch oder französisch. Das kleine Museum ist skurril, etwas für Satie-Liebhaber. Satie-Museum Im Ort werden viele kleine alte Straßen charmant restauriert. Die Atmosphäre ist entspannt, die Leute sitzen beim Essen und Kaffee um das Hafenbecken herum. Witzige kleine Galerien bieten Kunst und Kunstgewerbe an. Galerien Bildergalerie Honfleur Noch eine lustige Kleinigkeit am Rande: Überall in Honfleur wird das Produkt Pisse de vache (ja, ganz richtig: Kuhpisse!) beworben. Einige Plakate behaupten sogar, man könne guten Gewissens gar nicht den Ort verlassen, ohne wenigstens eine Flasche davon mitzunehmen (on ne quitte pas Honfleur sans emporter une Pisse de Vache!). Dabei ist zu sehen, wie ein Bäuerlein den Kuhschwanz wie einen Schwengel bedient und aus der Kuh… na ja, es scheint sich um jus de pomme (Apfelsaft) zu handeln: Als ich einem deutschen Freund (der Mann hat Expertise: Tierarzt!) die Geschichte der Apfelsaftvermarktung von Honfleur erzähle, erklärt er mir, Kuhpisse rieche tatsächlich nach Apfelsaft! Donnerwetter. Diesen Zusammenhang kannte ich nicht. Ob das Produkt mir nun dadurch sympathischer geworden ist, muss ich gedanklich noch länger überprüfen. Erstmal haben wir die Flaschen in Honfleur stehen gelassen: Nächster Hafen: Zeebrügge. Im Gegensatz zu zum Beispiel Lissabon (man liegt dort sehr hübsch mitten in der Stadt) liegen wir hier in einem Containerhafen (hässlich). Aber Brügge ist eine schöne Stadt: Bisschen viel Touristen heute….Wir gehören dazu. Da mit uns zusammen ein größeres Keuzfahrtschiff angelegt hat und Schulklassen im Ort unterwegs sind, ist es schon etwas wuselig. Wir würdigen die Produkte der Gegend, indem wir von dem guten Bier (allerdings nur 2 von 60 Sorten!) probieren, die Pralinen bestaunen und einpacken lassen (jo! schon!) und von den echten Pommes (die kommen nämlich aus Belgien und nicht aus Frankreich, wie viele glauben) Abstand nehmen (am Ende passt ja sonst gar nichts mehr!). Auf dem Weg zurück nach Hamburg ist es Nordsee-frisch, wir lesen dabei von Rekordtemperaturen im Emsland. Und richtig: Als wir dort ankommen, ist es erheblich wärmer als in Spanien und Portugal!        

Douro-Tal und Lissabon

Wie so vieles im Leben eine Frage des Blicks: Diesmal keine Reisebeschreibungsoper, sondern nur ein paar Häppchen für diejenigen, die noch nicht dort waren und so verführt werden sollen, dieses wunderbare Land zu besuchen: Portugal: Douro-Tal, Lissabon und bisschen drumherum Die portugiesische Fluglinie TAP (Transportes Aéros Portugueses), leicht erkennbar an den lustigen Farben, bringt uns von Frankfurt nach Lissabon, dann nach Porto. Vorsicht: bei TAP gibt’s nix zu futtern, richtig: nix! Einen Becher Wasser…das war’s. Okay, niemand stirbt auf einem 3 Stunden, 10 Minuten Flug Hungers, aber wenn man’s nicht weiß, ist es schon ein bisschen verblüffend. Wenn Sie im Besitz einer Kreditkarte (ha, ich nun wieder!) sind, können Sie aber ein Gläselchen Wein (serviert in einem Fläschelchen) und ein belegtes Pappbrötchen käuflich erwerben. Besser: Knifte mitnehmen! Das taten alle um uns herum, die schon mal mit TAP geflogen sind. Gab so ein Gefühl wie Schulausflug mit Mettbrötchen und Eier pellen beim Ortausgang. TAP gehört inzwischen zu über 70 % dem portugiesischen Staat. Und überhaupt: die Portugiesen sind nicht auf Rosen gebettet… Gleich in Porto vom Hügel der Kathedrale aus wird uns in wenigen Bildern klar, dass ein Erbe von solch architektonischer Pracht und eine ungeheure Fülle von nicht im Zweiten Weltkrieg zerstörter Bausubstanz Schattenseiten hat. (Portugal blieb neutral) Wer soll all diese aufwendigen Renovierungen zahlen? In der Salazar-Diktatur (bis 1974) wurden die alten Häuser billig vermietet und nicht renoviert, später war dafür kein Geld und seit der EU-Mitgliedschaft (1986) begann eine zögernde Aufbauarbeit, die angesichts der Fülle des Erbes fast nicht zu stemmen ist, dazu überschattet von Krisen und extremen Sparverordnungen der EU-Kommissare. Jedes renovierte Gebäude (ungeheure Kulturschätze!) ist da ein Glück. Zerstörung durch Gewalt hat es zuletzt während des Erdbebens von Lissabon (1755) gegeben, alles andere droht nun an vielen Orten der Zahn der Zeit zu zerstören. Porto: Bauten und Buden Eine Seefahrernation Am deutlichen fühlen kann man das Seefahrer-Erbe des Landes in Cabo da Roca. Das ist der westlichste Punkt Europas. Danach kommt westwärts viiiel Meer, noch mehr Meer und nach 1500 km die Azoren. Die östliche Begrenzung besteht aus Spanien und da es vom größeren Bruder immer mal Vereinnahmungsversuche gab, gehört es zu den ersten Informationen der Reiseleiterinnen, dass die beiden Länder nur 60 Jahre! nur läppische 60 Jahre! vereint waren (1580 bis 1640, das kann ich auswendig, weil es ziemlich oft wiederholt wurde). Die Freundschaft hält sich immer noch in Grenzen, ist aber auf den Zustand einer freundlichen Kabbelei abgesunken. Trotzdem ist der Selbstbehauptungsprozess der Portugiesen aktiv und präsent, dort lauern offenbar immer noch einige Empfindlichkeiten. Also: Niemals behaupten, Portugal sei wie Spanien. Das wäre so unhöflich wie doof, denn die Portugiesen sind ein sehr freundliches Volk. Aber ein paar Sachen wollen sie nunmal nicht hören und haben… Was ist logisch in der Situation? Östlich die ungeliebten Spanier, westlich das weite, weite Meer? Richtig: Nach Westen wird erkundet und das – wie wir wissen – ungeheuer erfolgreich. Wir genießen diesen Reichtum noch heute in den erhaltenen Bauwerken des Manuelismus. Am Cabo da Roca blühen ganze Felder von gelber Mittagsblume (Carpobrotus edulis, auch essbare Mittagsblume, gelten als invasiv), die ihrem Namen Ehre macht, indem sie uns bei unserem vormittäglichen Besuch eher die kalte Schulter oder nur mäßig geöffnete Blüten zeigen. Auf dem Stein steht: „Hier, wo die Erde endet und das Meer beginnt…“ (Luís de Camões, 16. Jahrhundert) Das genau ist das Gefühl! Cabo da Roca Der Douro Er entspringt in Spanien in den Picos de Urbión auf 2080 Metern Höhe. Logisch, dass er allerlei Staustufen und Schleusen überwinden muss, um das Meer (N.N. liegt ja bekanntlich 2080 m tiefer) zu erreichen. Leider haben die Spanier ihm keine Schleusen gegönnt, so dass er nur auf den 211 km in Portugal schiffbar ist. Die Schleusen dort haben’s in sich, Fallhöhen über oder um 30 m sind dreimal im Sortiment, Pocinho und Crestuma haben etwas weniger. Die Eisenbahn fährt am Rande des Flusses mit (von Porto bis Pocinho), danach können Sie sich vielleicht einen hübschen stillgelegten Bahnhof an der ebensolchen Strecke kaufen!? Die Gegend ist schön! Weinberge und immer steiler werdende Schluchten in Richtung spanische Grenze, ruhigere Abschnitte in Richtung Porto mit allen renommierten Namen der Portwein- und Weinproduktion an den Ufern laden zum Gucken und Gucken … ein. Fluss-Meditation Der Douro wechselt die Farben, die Flussgeschwindigkeit, überwindet in Schleusen in den Schluchten von Valeria gerade mal eben 34 Meter  Höhenunterschied…Die Landschaft drumherum ist Anfang April wie in den Strartlöchern. Einige Bäume sind nur grün überhaucht, andere schon im vollen Quietschgrün des Frühlings. Rotmilane kreisen. Hier und dort leuchtet ein roter Tupfen Mohn, die Weinberge schimmern in nackter Erde, gelbbraun, rotbraun, fein liniert durch Rebterrassen. Etwas Gelb vom Ginster leuchtet auf, grelles Grüngelb von wildem Senf und dann dieses unverschämte Dottergelb der Butterblumen. Der Douro glänzt graubraun, von einer grauen Schotterpiste der vor Salamanca stillgelegten Eisenbahn gesäumt. Hübsche kleine, oft allerdings verfallende Bahnhöfe, an einigen leuchtet „se vende“ (zu verkaufen). Olivenhänge und Begrenzungen der Weinberge durch Linien graugrüner Oliven wandern vorbei. Quintas, die schon bessere Tage gesehen haben, einige aber auch im strahlenden Weiß einer frischen Renovierung. Das lebhafte Pink von Cercis (meinetwegen: Judasbaum, ich mag den Namen nicht…) und das Blauviolett der Glycinen  an den Häusern…Wenn man all das lange genug an sich vorüberziehen lässt, tritt dieser Zustand des Innen-Drin-Total-Zufrieden-Und-Entspannt-Seins ein, den man sonst nur durch Meditaion erreicht! Wundervoll! Porto ist Anfangs- und Endpunkt der Douro-Kreuzfahrten. Die Stadt ist nach Corona jetzt wieder voller Leben und man merkt, dass alle froh sind, die Touristen wieder zu begrüßen. Am Anleger singt eine junge Frau ein altes Lieblingslied von mir (Girl from Ipanema) natürlich im portugiesisch-brasilianischen Original (Garato de Ipanema, Moraes/Jobim 1962). Über ihre schöne Stimme und sowieso und überhaupt: Ich bin beglückt! Die Straßenhändler sind da, aber nicht aufdringlich, die Cafés und Restaurants voll. Insgesamt eine fröhliche und entspannte Stimmung in der Stadt. Klug könnte es allerdings sein, die Feiertage zu meiden, da wird es dann arg voll. Überall wird gebaut, es entsteht eine neue U-Bahn und vor dem spektakulär mit Azujelos geschmückten Bahnhof klafft eine große Baugrube. Man kann auch deutlich hören, dass der Untergrund hauptsächlich Granit ist – schwer zu überwinden! Ach ja – und der Zusammenhang zwischen einer Port- und Sherrymarkenreklame (der Mann mit dem großen schwarzen Umhang) und der Universitätsbekleidung in Coimbra wurde uns spontan klar, als junge Studentinnen dort in traditioneller Kleidung bunte Stifte verkauften: Lamego Besonders bekannt in Lamego ist die Rokoko-Kapelle Santuário nossa mit der 613 stufigen Wallfahrtskapelle. Sehr schön auch der gotische Dom mit interessanten Portaldetails, die Sünden betreffend. Eine heiter wirkende Stadt, in der man den heimischen Schaumwein trinken soll. Wir haben uns aber nicht an diese Empfehlung gehalten – weil wir halt lieber ruhigen Wein mögen. Bilderbogen Lamego Coimbra Coimbra ist eine alte Universitätsstadt. Den schwarzen Umhang als Bekleidung für die Studenten („Sandeman-Umhang“) kennen Sie schon. Im Innenhof der Universität finden wir zwei Schulklassen unterschiedlichen Alters unterschiedlich nachlässig in farbige Schuluniformen gekleidet. Bilderbogen Coimbra Fatima Zu Fatima nur soviel: Für mich zu viel Gigantomanie, Glauben und Gold. Dafür blühte der Ginster sehr schön und junge Techniker rollten in der Kirche ihre Kabelrollen für die Osterübertragung aus. Ein Stückchen Berliner Mauer hatten sie auch… Lissabon Für Lissabon braucht man mehr Zeit als wir sie hatten. Ein Grund wiederzukommen! Und: nicht zu Feiertagen hinfahren! Unglaublich schön fanden wir den Kreuzgang des Hieronymus-Klosters (gilt als einer der Höhepunkte des manuelinischen Baustils). Hieronymus ist einer der 4 lateinischen Kirchenväter und hat die Bibel ins Lateinische übersetzt (Vulgata). Es war aber Karfreitag und als wir wieder herauskamen, war uns sonnenklar, dass wir über einen Besuch der Kirche nicht nachzudenken brauchten. Die Schlange reichte bis zum Horizont:   Bilderbogen Hieronymus-Kloster Bilderbogen Lissabon am Karfreitag 2023 (ein sehr bunter Bilderbogen, der insgesamt am 7.4.23 entstanden ist) Diesmal werde ich nicht alle Geschichten erzählen, nicht von den Azulecos am Bahnhof von Pinhão, nicht von Salamanca (Ausflug nach Spanien), nicht von Sintra, wo das Personal streikte und wegen Ostern alles verstopft war… aber ein paar Nebenbeobachtungen sollen Sie am Schluss noch etwas zum Schmunzeln bringen: von Touristen, die nicht aus dem Denkmal gehen und somit mit abgelichtet werden müssen, dicken Katern, die auf dem Fischmarkt in Porto leben, Tischecken im Mateuspalast mit Selbst-Busenhalterin, Bier, das tatsächlich Superbock heißt,  und einer Dame, die sich vor dem Mateuspalast im Wasser räkelt. Den Rest müssen Sie sich schon alleine anschauen, wir haben schließlich auch nicht alles sehen können…und müssen nochmal wiederkommen. Aber eine Geschichte werde ich noch erzählen: die von den portugiesischen Reiseleiterinnen!