Gisela geht – zum Tod unserer Schwester Gisela in Lespinassière

Gisela geht – zum Tod unserer Schwester Gisela in Lespinassière am 16.9.2025 Diesen Beitrag könnt ihr betrachten als: – Einen Bilderbogen zum (sehr langen!) Scrollen zu einigen Lebensabschnitten von Gisela. Zu benutzen wie ein riesen-langer Leporello – zur Erinnerung immer mal ein paar Bilder und Texte betrachten/lesen! – Eine lange Bilder-Geschichte von drei eng verbundenen Schwestern, die sich nun damit abfinden müssen, nur noch zu zweit zu sein. –  Eine Frauenbiografie mit Anworten auf die Frage, was es ausmacht, 12 Jahre später geboren zu sein als 1937. Danke von Giselas Familie an die Einwohner von Lespinassière! Merci beaucoup aux habitants de Lespinassière de la famille de Gisela d’Allemagne! Am 18.September verabschiedete sich das Dorf, in dem unsere Schwester und ihr Mann Gerd mehr als 25 Jahre gelebt haben, so wie Gisela sich das gewünscht hat: Kein Pomp mit Kränzen und Bouquets, sondern Blumen und Grün aus der Natur, Musik von ihrem Mann Gerd, mit nachbarschaftlichen Gesprächen, Gesängen und einfach einem guten Beisammensein. Wir sind alle sehr traurig, aber auch froh, noch viele gute Gespräche mit ihr gehabt zu haben. – Wenn etwas endet, fragt man gemeinsam danach, wie es angefangen hat. Für Gisela am 29.10.1937. Hier ist sie als kleine Maus (ganz rechts mit dem sogenannten Russenkittel) mit ihrer Mutter Alwine, Bruder Eberhard und Schwester Helga. Die kleine Ziege (ich) wird erst 1949 dazukommen. Da ist die Familie aber schon nicht mehr in Stuttgart, sondern in Dersum. Über diesen Ort und wie die Menschen sich damals (also im Krieg und der Nachkriegszeit) dort verhalten haben, ihaben wir in der Klinik in Carcassonne, in der Gisela zum Schluss liegt, noch viel gesprochen. Besuch in Dersum, etwa 1959: Von links: Eberhard (1935-2020), Irmgard (momo:ich) (1949), Gustav (1910-1960), Alwine (1913-2018), Gisela (29.10.1937-16.9.2025), Helga (1940) Knapp 60 Jahre später, am 27.5.2018, dem 105ten Geburtstag unserer Mutter. Von links: Gisela, Helga, Alwine, Eberhard, Irmgard Gisela geht – eine Drei-Schwestern-Geschichte Gisela hat in vielen freundschaftlichen und familieren Bezügen gelebt. So gibt es aus verschiedenen Perspektiven allerlei Geschichten und Andenken. Zum Beispiel die Gisela-Gerd-Frank-Julia-Anthony-Geschichte. Hier fällt mir dazu gleich der kleine Feuerwehrhauptmann ein, der keine Angst hatte. Oder die Lespinassière-Geschichte mit Muguette, die mit heller Stimme „Coucou“ ins Haus ruft. Aber diese Geschichten müssen andere erzählen, die sie besser kennen. Ich bin hier zuständig für die Geschichte von den drei Schwestern. Sie beginnt in Dersum und endet in Lespinassère und Carcassonne. Na ja, ein bisschen beginnt sie auch in Stuttgart, aber von dort muss die damals fünfköpfige Familie nach Dersum, wird im Emsland als einzige evangelische Familie in einem sehr katholischen Dorf nicht besonders freundlich willkommen geheißen. Gisela äußert in Carcassonne die späte Hypthese, das Verhalten diverser Mitmenschen dort habe sie endgültig zur Atheistin gemacht, denn der Widerspruch zwischen bigotter Frömmigkeit und gehässigem Verhalten gegenüber den Flüchtlingen sei ihr sogar schon als Kind und Jugendliche sehr zuwider gewesen. Zudem hätte sie viele Rituale nicht gekannt und es gibt eine Geschichte von der kleinen Gisela, die aus dem Fenster im 1. Stock eine Fronleichnamsprozession sieht und ruft: „Mama, ist das der Bischof mit die lange Gardine?“ Das wurde natürlich übel genommen und obwohl unser Vater im Dorf den Arzt (er war als Sanitäter ausgebildet) und den technischen Hilfsdienst gab (er war so ein Mensch, der so ziemlich alles konnte), wurde die Familie oft geschnitten und gehässig behandelt. Gisela äußert noch in diesen Tagen ihm gegenüber Hochachtung, dass er darüber nicht bitter und ungerecht geworden sei. Dersum war eine einigermaßen traumatisierende Erfahrung für die Familie. Unsere Mutter (neuntes von zehn Geschwistern aus dem Meller Land) eigentlich im Dauerclinch mit ihrer Schwiegermutter Luise (eine selten gefühlskalte Person, die ihre Zuneigung zu ihrem einzigen Sohn zeigte, indem sie  alle anderen schlecht machte). Unser Vater, der zwischen allen Stühlen es allen Recht machen wollte, der immer noch eine findige Idee zum Überleben entwickelte. Unser Bruder, entwurzelt und verunsichert, die Angst vor und im  Krieg. Die Schwestern, die zusammenhielten, es aber in der feindlichen schulischen und dörflichen Umgebung schwer hatten. Die weiterführenden Schulen eine halbe Tagesreise entfernt, mit dem Rad, mit dem Zug, zu Fuß.  Schulgeld für alle drei Kinder, das die Familie eigentlich gar nicht aufbringen kann. Und dann 1949 auch noch das kleine Nachkriegsunglück : Ich, noch ein Geschwisterchen! Unsere Mutter hat noch kurz vor ihrem Tod 2018 erzählt, dass sie angesichts der Situation ein verschämt-verdecktes Abtreibungsangebot bekommen habe, unser Vater sich aber vehement dagegen gestemmt habe. Wir Drei sind uns einig, dass unser Vater Gustav schon eine gradlinge Figur war und wir ihm Hochachtung schenken. 1953 kommt die Familie (endlich weg von Luise!) nach Lingen, wo unser Vater im Sanitätsdienst des Gefängnisses an der Kaiserstraße tätig ist. Eine Reise nach Stuttgart (Sehnsuchtsort, zu dem wir nicht zurückkehren können) zu den früheren Nachbarn 1959 gelingt noch. Februar 1960 erkrankt Gustav an Kehlkopfkrebs und stirbt am 29. Oktober 1960, an Giselas dreiundzwanzigstem Geburtstag. Die Tatsache, dass unser Vater von seiner Krankenversicherung „ausgesteuert“ wurde (eine vornehme Bezeichnung dafür, dass er eine einmalige Abschlusszahlung und dann nichts mehr bekommt), bedeutete, dass seine Familie die vielen erfolglosen Operationen zwar von den Kliniken in Eppendorf und dann der Stadt Hamburg gestundet bekam, aber gleichwohl abstottern musste. Die großen Schwestern gingen Hemden nähen bei Lincron (das ist, wo heute die Stadtwerke in Lingen sind) und der eine Studierende in der Familie (Eberhard in Lübeck) ernährte sich häufig von Bananen aus dem Freihafen und schrieb Karten mit dem Text: „Geld reichte gerade für die Sargnägel!“   Ich bin der festen Überzeugung, dass meine beiden Schwestern – ähnlich spät geboren wie ich, mit Honeffer Modell, Bafög, ohne Schulgeld an weiterführenden Schulen – studiert hätten und Gisela eine gute Ärztin geworden wäre. Darum finde ich den Spruch von der „Gnade der späten Geburt“ (Kohl in Anlehnung an Günter Gaus) auch so schräg. Gut: Meine Geschwister sind nach 1930 geboren und mussten sich wegen ihrer Jugend nicht bewusst gegen (oder gar für) den Nationalsozialismus entscheiden. Aber: Sie sind früh genug geboren, um die Folgen des Nationalsozialismus und des Krieges als junge, ungefestigte Menschen ausbaden zu dürfen und das in einer Art und Weise, die absolut lebensbestimmend war. Das Klima noch der 60er Jahre war so, dass wir uns ständig geschämt haben: Für unsere Armut, unsere Möbel, unsere Kleidung, unsere Ungebildetheit, gar dafür, dass wir keinen Vater mehr hatten. (Dabei sind wir Drei bis heute überzeugt, dass seine ständige ungeschützte Röntgentätigkeit im „Knast“ – die Bleischürze endete bei dem großen Kerl oberhalb der Bruswarzen – unseres Vaters seinen Kehlkopfkrebs mit verursacht hat) . Ich war dabei noch in der priviligierten Rolle, beschützende und helfende Geschwister zu haben. Jedes Tanzstundenkleid, das ich stolz trug, war von Gisela geschneidert, die 90 Mark für den Kurs vom Bruder, jedes Buch von Helga. DAS könnte man als solch eine Gnade der späten Geburt bezeichnen!  Als ich zur Schule ging, kostete sie kein Schulgeld mehr und ich bekam sehr bald Stipendien und einen Job an der Uni. Gisela engagierte sich beim Roten Kreuz und wurde später die Heilkräuterfrau eines südfranzösichen Dorfes. Das ist eine ganz andere Karriere, aber nicht weniger achtbar als mein schwacher Versuch, mich mein Leben lang für die Schule für ALLE zu engagieren. Wir Drei sind uns treu geblieben und nah. Was uns immer verbunden hat, war die Liebe zu Pflanzen. Das – wie wir ironisch sagten – Garten-Gen ist weitergewandert in die nächste Generation: Giselas Tochter Julia, meine Tochter Julia…und das Näh-Gen ebenfalls. Das Technik-Gen hat eher die Herren getroffen. Gisela und die Pflanzen       2000 ziehen Gisela und Gerd nach Lespinassière. Dieser kleine Ort wird ganz und gar ihre Heimat und die ganze Familei kommt sie gern dort besuchen. Sie feiern dort auch ihre Diamantene Hochzeit Gisela und die Katzen In Lespinassière werden die beiden tout francais. Dazu gehört die Liebe zum Pique-Nique. Und weil Gisela zu Anfang einmal gefragt hat, was sie beisteuern kann…wird sie zur Großpoduzentin von Gateau foret noire (Schwarzwälder Kirschtorte). Sie entwickelt sogar eine Technik, die Torte transportabel zu machen (einfrieren und auf den Punkt wieder auftauen lassen!). Gisela kocht sehr lecker, vegetarisch, besser flexitarisch mit Fisch. Sehr beliebt bei allen Besuchern. Ein Hühnchen-Stück, das sie vesehentlich in Carcassonne in der Klinik serviert bekam, veranlasste sie zu der belustigten Bemerkung, das habe sie nun nach 50 Jahren Fleischlosigkeit auch nicht umgebracht, aber der von ihr vermutete Fisch habe schon recht eigenartig  geschmeckt… Leider, leider sind wir Drei erst spät darauf gekommen, einmal im Jahr eine Woche gemeinsamen Urlaub zu planen. Gisela hatte sich die Hallig Langeness gewünscht, dort war sie vor „ewigen Zeiten“ schonmal gewesen. Immerhin hatten wir ein kurzes Treffen in Unterbörsch geschafft und gingen später in die Planungen der Reisegruppe Silberlocke über. Als wir dann September 2020 nach Bayreuth reisen, sind wir nicht wenig erstaunt über die Nachricht, dass wir aus einem Hochinzidenz-Gebiet kommen (ausgerechnet das Minervois, wo sich Wildschwein und Hase unter Weinreben Gute Nacht sagen?). Trotzdem wird es eine schöne Feier: Die Helga wird 80! Und alle haben einen frischen Test, der örtliche Mediziner konnte dann bestimmt bald ein hübsches Haus bauen (131 € erhob er für Nicht-Landeskinder!) Dann kommt die Corona-Pause….aber die Reisegruppe Silberlocke plant weiter – und im Juni 2022 geht es endlich auf die Hallig Langeneß, auf die Tadenswarf. Dort hat die gesamte Gastfamilie Corona, managt aber das Ganze berührungsfrei: Wir gehen in den kleinen Laden, kaufen ein durch beherzten Griff ins Regal und am Ende wird von einem gerade mal Corona-negativen Familienmitglied abgerechnet. Das war genial. Wir hatten wunderbare Tage und bekamen sogar frische Nordseekrabben geliefert. Zu unserem Erstaunen war die Hallig sehr laut: ein riesiges Vogelgeschrei umgab das Haus. Gisela fand besonders witzig das Gegurgel der Eiderenten. Langeness, Juni 2022 Im August 2023 dann mieteten wir für eine Woche ein niederländisches Haus am Wasser in Makkum (Nähe Abschlussdeich). Auch schön…aber die Hallig fanden wir noch uriger. Gern wären wir noch einmal hingefahren. Nun ist es leider zu spät. Meine ich das  – oder haben wir ähnliche Farbvorlieben? Nach Makkum haben wir noch ein Familietreffen auf die Reihe bekommen. Leider wohl das letzte… Eine weitere Fahrt ins Elsaß – von mir vermeintlich schlau geplant, um Gisela die Anreise leichter zu machen – fand für uns Drei dann nicht mehr statt. Sie traute sich das nicht mehr zu. Im Oktober haben wir Gerd und Gisela dann in Lespinassère besucht. Sie bestand darauf, ihren Geburtstag mit uns vorzufeiern, als hätte sie geahnt, dass es ihr letzter sein würde. Als Giselas Gesundheitszustand zunehmend dramatisch wird, entschließen wir uns nach Lespinassère zu fahren. Ich telefoniere mit ihr Ende August. Sie spricht zunehmend „letzte Texte“, wie: „Was soll ich noch sagen? Seid lieb zueinander!“ Und auf die Frage, ob wir schnell kommen sollen, weil sie den Wunsch äußert, uns noch einmal zu sehen: „Ich sterbe ja grad zum ersten Mal, ich hab‘ so wenig Erfahrung damit!“ Wir fahren los und finden das Haus in Lespinassière merkwürdig entseelt, obwohl dort 4 Menschen sind. Muguette, die Nachbarin, bringt uns in ihrer Gästeunterkunft sehr nett unter. (Gisela sagt: „Da kannst du aus der Dusche in die Sterne sehen!“) Am 31. August (Sonntag) sind wir dann bei ihr in der Klinik in Carcassonne. Sie freut sich so sehr und wir reden viele Nachmittage, lachen, weinen gemeinsam, hören Musik und wenn sie zu erschöpft ist, lese ich ein bisschen vor. Das mag sie sehr. Ich hatte ihr den Tonie (ja richtig, das Hörsystem für kleine Kinder) geschickt und die Geschichte von Erika von Elke Heidenreich (Erika ist ein riesiges rosa Schwein mit blauen Glasaugen, wir hatten viel Spaß mit dieser Metapher) auf einen Kreativ-Tonie gesprochen. Das hatte sie x-mal gehört. Die Idee hatte ich, weil sie nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt ist und nur schwer greifen kann. Sie telefoniert nachts viel, weil sie sich einsam fühlt und in der Neurologie-Station, wo sie liegt, nur eingeschränkt Besuch haben kann. Als die Schwester mit ihr schimpft, ihr Mann brauche aber seinen Schlaf, sagt sie „Ich habe Jahrzehnte dafür gesorgt, dass er gut schläft..“ Ihr Sohn Frank bringt ihr bei, Siri zu nutzen und das tut sie nun ausgiebig…auch nachts…alles ein bisschen schwierig. Ab dem 2. September hört sie auf zu essen, lässt sich aber mit etwas Apfelmus die Tabletten geben. Sie mag den Geschmack von Milchkaffee. Sie regelt mit ihrer Familie alles, ihren Tod betreffend. Auf meine Einlassung, ob ihr klar sei, dass sie durch Nicht-Essen ihren Tod beschleunigt, sagt sie ganz ruhig: „Ja, und das will ich ja auch.“ Und zwischendrin blitzt ihr alter Humor auf. Wir sprechen über Luise (Schwiegermutter) und Ludwig (Vater von Gustav,  im Gegensatz zu seiner Frau ein herzensguter Mensch) und sie sagt: „Wisst ihr, dass ich Ludwig mit Vanillepudding gefüttert habe und er währenddessen gestorben ist?“ Dann blitzen ihre Augen, sie lächelt verschnmitzt  und sie zeigt auf das Vanillepudding-Schälchen auf der Ablage und sie sagt zu uns: „Und wollt ihr das da mal wegnehemn?!“ Am 9. September (Dienstag)  dann ist sie sehr verzweifelt. Ihre Hoffnung, noch einmal palliativ nach Haus zu kommen, schwindet und sie sagt: „Wenn ich das so gewusst hätte, hätte ich es anders gemacht!“ Die Schwestern haben sie wohl ausgeschimpft, sie würde viel zu oft rufen. Sie haben sogar versucht, ihr die Klingel wegzunehmen. Sie weint bitterlich und sagt: „Mein Leben lang habe ich mich um andere gekümmert (das stimmt!), um mich dann hier so böse ausschimpfen zu lassen (sie will den Text nicht wiederholen, findet ihn zu beleidigend).  Harry und ich reden mit dem Personal, das offenbar gar nicht um die Schwere ihrer Erkrankung weiß und überfordert ist. Wir regen uns alle ziemlich auf, weil wir ihre Trauer und Verzeiflung nicht ertragen können, reden auch mit Ärzten. Und dann kommt das Erstaunliche: Gisela macht mit mir, was sie ein Leben lang mit mir gemacht hat: Sie kümmert sich! Sie fragt mich, als wir gehen wollen und klar ist, dass sie nun anders betreut wird: „Bist du denn nun auch einigermaßen beruhigt?“ Danach wird sie endlich palliativ betreut und kommt am Donnerstag auf die Paliativstation in Montréal-Elsan. Da ist sie dann aber nicht mehr bei Bewusstsein, ihr Mann Gerd und ihre Tochter Julia dürfen aber bei ihr sein und ihre liebevolle Nähe hat ihr sicherlich gut getan. Adieu, große Schwester!    

Der lange Abschied der Alwine P. (für Bilder: anklicken)

Der lange Abschied der Alwine P. – Ein Text zum Tod unserer Mutter, die 105 Jahre alt wurde Unsere Mutter lebte in ihrer Wohnung in der Ludwigstraße in Lingen bis sie 103 Jahre, 6 Monate und  19 Tage alt war. Sie starb mit 105 Jahren, 5 Monaten und 6 Tagen. Was geschah in den 23 Monaten und 12 Tagen dazwischen? Jeden Tag etwas anderes und dabei doch vieles unter dem Thema Sterben und Abschied nehmen. Ins Heim: Die Kasernierung fiel ihr nicht leicht. Zuvor hatte sie 56 Jahre selbstbestimmt und allein in ihrer Wohnung gelebt, unser Vater starb 1960. Was macht es mit einem Menschen, der so lange seine Tage mit einer heißen Dusche, einem ebenso heißen Kaffee und der Zeitung begonnen hatte, wenn er sich plötzlich in einen von anderen bestimmten Tagesablauf mit lauwarmem -ihre Empörung war abgrundtief!-  Kaffee zu unterschiedlichen Tageszeiten gepresst sieht. Duschen nur einmal in der Woche- Badetag.

Großer Bruder geht (für Bilder klicken)

Großer Bruder geht Ein Text zum Tod von Eberhard Poske (27.08.1935 – 30.03.2020) Da sind sie wieder, die Beiden mit der kleinen Katze. Der kleine Eberhard, der seine Mutter um 1 Jahr, 4 Monate und 27 Tage überlebt hat und nun von uns gegangen ist. Alwine und Eberhard, etwa 1938 Aus Sicht unserer Mutter ist er also „nur“ 84 geworden und als bereits 105jährige hat sie uns mit dem Spruch Ich glaube, der Eberhard ist ja viel schlimmer dran als ich einigermaßen sprachlos gemacht. War er das? Frontotemporale Demenz lautete die Diagnose in Münster und erschrocken wurden innerfamiliär die Medizinlexika gewälzt. Was man schon bemerken konnte: Verschwinden der Wörter. Unheimlich! Wenn ein sprachlich so eloquenter Mensch, der einen ganzen Familienabend argumentativ beherrschen konnte, verzweifelt um Worte ringt, das ist schon unheimlich. Zwischendrin meldete sich etwas fasziniert die Linguistin in mir: Die Syntax, die Satzbaustrukturen, bleiben einschließlich Nebensatzkonstruktionen noch lange erhalten, nur die Wörter passten nicht. Noch unheimlicher! Aber mit dem Inhalt der Wörter verschwand auch der logische Zusammenhalt der Welt. Als seine wirklich hochrangigen Weinkenntnisse eines Abends in der steilen These landeten, aus Äpfeln könne man ganz prima Chardonnay machen, leisten wir zunächst argumentativ Widerstand, um dann dezent das Thema zu wechseln und uns später sich auf dem Heimweg wie ertappt die Frage zu stellen, ob man die komische Seite solcher Dinge wahrhaben wollte. Er selber hätte ja wenige Jahre zuvor herzlich gelacht. Diese verdammte Krankheit passte noch weniger zu diesem Menschen als alle anderen blöden Krankheiten, fanden wir. Einen hochkompetenten Computerfachmann, der uns allen vorher -natürlich nicht ohne uns zu erklären, dass wir ja ganz schön blöd wären- jedes noch so verrückte Problem gelöst hatte, an seinem eigenen Drucker und dessen von ihm selber vermutlich komplex angelegten Programmroutinen verzweifeln zu sehen, das war sehr schmerzhaft. Das Verschwinden der Wörter? Wann fing das an? 2016 beim 103. Geburtstag seiner Mutter hat er seinen Humor und – leichte Wortfindungsstörungen Wann das anfing? Nach einer komplizierten Herzoperation fanden wir ihn völlig verwirrt in der Klinik, orientierungslos, geschichtslos, entwurzelt. Zu Hause fand er mit Hilfe seiner Frau, seiner Familie, die sich rührend um ihn und seine Frau kümmert, zu einer gewissen Alltagsform zurück. Aber der Faden zur realen Welt war oft nur noch lose geknüpft. Und altes Wissen um komplexe technische Zusammenhänge entlud sich in kurzen Reparaturen, nach denen jeweils der gesamte Haushalt funktionslos sein konnte. Ein paar ganz fundamentale Rollen bleiben: Seine Mutter und er hingen sehr aneinander. Oft mussten wir Alwine trösten, die seinen Zustand hellsichtig erkannte. Warum lässt der sich so plumpsen? fragte sie, seine nachlassende Muskelspannung wohl erkennend. Sie wollte ihren Sohn nicht so haben, nicht so schwach. Viele Jahre, als sie noch gärtnern, aber nicht mehr Radfahren konnte, brachte er sie brav jeden Abend aus ihrem kleinen Paradies in der Schwedenschanze nach Hause. Überhaupt: Der große Bruder, das war seine andere große Rolle. Drei jüngere Schwestern und ein großer Bruder, der gerne immer hilfreich sein wollte, aber auch mal starrsinnig sein konnte. Ich als Jüngste mit dem größten Abstand habe da sicherlich am meisten von seiner Fürsorglichkeit profitiert. Durch den frühen Tod unseres Vaters waren wir nicht gerade brillant gestellt. Wenn es richtig kniff, der Tanzkurs zum Beispiel trotz großen Wunsches nicht bezahlt werden konnte, dann half der große Bruder. Und da ich noch zwei große Schwestern habe: Die große große Schwester nähte dann das Kleid, die kleine große Schwester nahm die blöde kleine Schwester mit in den Urlaub. Zum Glück der kleinen Schwester gehört dann auch noch das, was Helmut Kohl mal Gnade der späten Geburt genannt hat. Eberhard konnte studieren, weil die Familie das Geld für eine private Uni aufbringen wollte (eigentlich nicht konnte), mehr – also für die Schwestern – war nicht drin. Die kleine kleine Schwester lebte dann in Zeiten von Honnefer Modell und BAFÖG. Auch dann half großer Bruder noch gelegentlich, und wenn es mit einer Unterschrift bei der Bank war. Gratulation zum 104. Geburtstag: Mutter und Sohn 2017 Ich bin heute fast 71 Jahre alt. Und zwischendrin ist und bleibt es erstaunlich, dass ich die kleine Schwester eines großen Bruders geblieben bin, der so hilflos wurde, der aber immer noch Wärme geben konnte mit seinem kleinen schiefen Lächeln. Als er das letzte Mal nach Hause kam, hatte er sich einen kleinen Blumenstrauß gewünscht (wir hatten eine interessante Art der Kommunikation entwickelt mit von mir vorgeschlagenen Texten und einem gelegentlichen kräftigen JA von ihm). Darüber hat er sich offensichtlich sehr gefreut. Was sonst in seinen Gefühlen und seiner immer enger werdenden Welt so los war, das wissen wir alle nicht so wirklich. Dass er dann in den letzten Wochen seines Lebens auch noch Opfer der Corona-Pandemie wurde, zwar nicht durch Infektion, wohl aber durch die Umstände, war für seine unmittelbare Familie besonders schmerzhaft. Als es zu Hause nicht mehr ging, brachten ihn seine beiden Töchter in die Pflege. Dort: Kontaktsperre! Was macht man mit einem Telefon, wenn die Wörter verschwunden sind? Seine Frau und seine beiden Töchter (schon wieder nur Frauen in der Familie!) hatten es bestimmt nicht immer leicht mit ihm, aber am Ende wurde er weich, zuwendungsvoll und behielt seinen Humor. Ich denke, es blieb der Kern, der viele Jahre unter ironischer Rauhbeinigkeit und Besserwisserei von ihm verborgen wurde. Warum? Muss man einen so weichen Kern nicht wohl schützen? Adieu großer Bruder. Und alles Gute für die, die nun weiterleben ohne dich!        

Texte zu Tod und Leben

In dem Gedicht „Reklame“ (1956) von Ingeborg Bachmann geht es um die oberflächliche Welt des schönen Scheins: „Sei ohne Sorge ohne Sorge“. Seit 2008, dem Todesjahr von Jutta Heid, verfolgt mich dieses „Was aber…“ angesichts eines Endes und „wohin tragen wir…unsere Fragen und den Schauer aller Jahre…wenn Totenstille eintritt“ immer wieder und hier soll der Ort sein, darüber zu reden.